Paläontologie von SW-Deutschland 3.1.18: massig Ammoniten bei Hauff

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Im letzte Beitrag über das Urweltmuseum Hauff hatte ich Ammoniten versprochen, die häufigsten Fossilien im deutschen Jura. Es dürfte keine Überraschung sein, dass es davon bei Hauff eine Menge gibt, und in unglaublicher Erhaltung. Ich fange mal mit einem wirklich seltenen und äußerst gut erhaltenen Exemplar an. Ein Lytoveras ceratophagum, dem ein Schmelzschupper namens Dapedium pholidotum in der Wohnkammer steckt! Ein unglaublicher Glücksfall: es sind auch noch beide Platten, Positiv und Negativ, im Museum ausgestellt!

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Hier noch eine größere Ansicht der linken, leichter zu fotografierenden Platte. Lytoceras kann ganz schön groß werden, auch wenn dieser hier nur so geschätzt 50 cm Durchmesser hat.
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An diesem Beispiel kann man mal wieder sehr schön die für den Posidonienschiefer typische zerscherbelte Erhaltung der kiellosen Ammoniten sehen (siehe dieser Beitrag; auf Englisch): die Rippen im linken Bereich überkreuzen sich an Stellen, wo Fragmente der oberen und der unteren Schalenhälfte gegeneinander rotiert wurden. Insgesamt haben aber die harte Schale und das feste Periostracum diesen Lytoceras ganz gut zusammengehalten. ich hab’s schon viel schlimmer gesehen.  Übrigens sieht man schön, dass die Öffnung der Wohnkammer nicht wirklich flach ist, sondern leicht gewölbt. Das kommt davon, dass sie vor der Kompaktion mit Sediment gefüllt war und daher nicht ganz platt gemacht wurde.

Das etwas in der Wohnkammer eines Ammoniten drinsteckt ist gar nicht so selten. Manchmal handelt es sich um ein Tier, dass freiwillig hineinschwamm, zum Beispiel um sich zu verstecken oder um den Körper des Ammoniten zu fressen – ob nun als eigene Beute oder als Aas ist recht egal, wenn man dabei draufgeht. Wie sowas ausgesehen haben kann zeigt ein Bild, dass direkt neben dem Fossil ausgestellt ist.

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Und gleich noch ein Lytoceras, diesmal L. trautscholdi.Man beachte die dicken, sehr weit separierten Rippen. Der Rest der Schale ist praktisch glatt. Dieser Lytocerat ist größer; ich schätze mal so 70 cm im Durchmesser. In seiner Wohnkammer klemmt ein Hildoceras sublevisoni.Auch hier kann es um einen Aasfresser gehen, aber es ist auch denkbar, dass die kleine und leichte Schale des Hildoceras am Meeresboden von einer Strömung in die große hineingeschwemmt wurde.

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Die massiven Rippen von Lytoceraten fossilisieren manchmal allein, während der Rest der Schale flöten geht. Hier ein Mundsaum:
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Ammoniten können ganu ausgezeichnete Leitfossilien sein. Wenn man eine recht ununterbrochene Sedimentfolge aus einem flachmarinen Bereich hat (wie den deutschen Jura), kann man Tiere mit hoher Diversität und einer recht schnellen Wechselrate der Arten nutzen, um eine bestimmte Schicht zeitlich recht gut einzuordnen – natürlich nur im Verhältnis zu benachbarten Schichten. Wenn man genug Fossis findet, natürlich. Dazu muss erst mal jemand die Ablagerungen Schicht für Schicht auf ihren Fossilgehalt durchsehen, und genau festhalten, welche Arten wann erstmals auftauchen und wann verschwinden. Danach kann man dann eine Schicht absuchen und möglichst viele verschiedene Fossilien zusammentragen. Die Koexistenz dieser Fossilien dauerte dann meist eine überraschen kurze Zeit, zu der die Schicht abgelagert wurde. Das war’s schon.

Manchmal findet man aber auch ein richtig umwerfendes Fossil: ein Tier, das in seinen Merkmalen genau zwischen zwei gut definierten und stabilen Arten steht! Ammoniten-Arten kamen und gingen recht zügig, aber zwischendrin sind sie immer recht stabil. Die Faustregel im Studium hieß “ca. eine gute Mio Jahre” für eine Art. Eine “Zwischenform” zu finden (ein Begriff, den ich wegen seiner oft falschen und missbräuchlichen Verwendung nicht mag) nagelt die Schicht dann natürlich auf einen sehr engen Zeitraum fest. Hier kommt so ein Fossil:
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Zwischenform von Tiltoniceras antiquum und Harpoceras exaratum. Cool, oder?

Zurück zu banalerem Zeug, auch wenn’s für sich gesehen ganz schön cool ist. Die Platte unten trägt ein paar Lytoceras ceratophagum. Das Große ist das Weibchen, die kleinen sind nicht etwa Jungtiere, sondern Männchen. Wie gut dass wir keine Ammoniten sind, wir Männer müssten sonst befürchten, aus Versehen mal von der Damenwelt aufgefuttert zu werden. 😉

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Jetzt aber noch zu einer anderen coolen Geschichte über das Leben im Jurameer: nicht alles war ein genüssliches Dahintreiben! Dieser Lytoceras ceratophagum war von Muscheln bewachsen, nicht nach dem Tode, sondern zu Lebzeiten! Wenn der Aufwuchs so gering wie hier ausfällt, behinderte er das Tier sicher nicht arg. Aber ein massiver Aufwuchs auf einem Tier kann eine Menge Gewicht hinzufügen, und das vielleicht auch noch asymmetrisch verteilt. Nicht gerade toll für ein Tier, das zum Überleben eine exakte Kontrolle seines Auftriebs benötigt!

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So, im Land der taphonomischen Absonderlichkeiten angekommen kann ich gleich mit der nächsten weitermachen. Eleganticeras elegantulum wmit einem halben Aptychus.Nicht super selten, aber das betrifft nur den Posidonienschiefer. Anderswo hat man meist ganz schön Probleme, einen Ammoniten mit Aptychus aufzutreiben.

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Der nächste Ammo ist gebissen worden. Ein Hildoceras sublevisoni, dem die Wohnkammer aufgenackt wurde, vielleicht von einem Krebs. Ein Fragment wurde so gedreht, dass es jetzt mit dem Kiel nach oben zeigt.

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Und gleich noch einen weiteren  Harpoceras – in Kielansicht! Dies ist eine Aufsetzmarke, entstanden als der Ammonit in aufrechter Haltung auf den Meeresboden geknallt ist.

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Da lege ich noch einen ungewöhnlich gut erhaltenen Tiltoniceras antiquum nach – ungewöhnlich gut erhaltenen nicht, weil er schöner ist als all die anderen Ammoniten, sondern ungewöhnlich gut erhaltenen für einen Tiltoniceras. Die Schichten, die diese Viecher führen, sind nämlich nicht das beste, was der Lias im Hinblick auf Erhaltung zu bieten hat.

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Und hier ein ungewöhnlich großer Harpoceras falciferum. Harpo und Hildo sind die zwei häufigsten größeren Ammos im Posidonienschiefer. Der insgesamt häufigste Ammo aber ist der kleine Dactylioceras, der hier neben dem Harpo liegt.

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Als nächstes gibt es einen Dactylioceras commune – der Artname ist Programm. In manchen Lagen findet man hunderte pro Quadratmeter. Dieser hier teilte das Los des oben gezeigten Lytoceras, und war von Muscheln besiedelt. Allerdings viel mehr als der Lytoceras.

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OK, gehen noch zwei Bilder? Nur noch zwei? Eines, dann noch eines, und dann ist dieser Beitrag endlich am Ende….. schaffen wir das zusammen?

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Ein zerbrochener Aptychus. Diese Ammonitenteile wurden mit eigenen wissenschaftlichen Namen belegt, bevor man raus hatte, was sie eigentlich sind. Oder, besser gesagt, bevor man immerhin wusste, von welchen Viechern sie stammen. Dies hier ist Cornaptychus sanguinolarius, von einem Eleganticeras oder Harpoceras.

Und nun, endlich, der letzte Kopffüßler des Tages. Nicht mal ein Ammonit, sondern ein Nautiloide. Egal – um endlich zum Abschluß zu kommen ist mir alles recht 😉

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Cenoceras sp.

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About Heinrich Mallison

I'm a dinosaur biomech guy working at the Museum für Naturkunde Berlin.
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