Paläontologie von SW Deutschland 3.1.19: Hauff und immernoch keine Ende in Sicht

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Dieser Teil der Serie “Paläontologie von SW Deutschland” führt uns zu einem tiefen Minimum der gezeigten Wirbeltiere, und es ist höchste Zeit, dass ich mich durch den Rest des rückgratlosen Getiers in in den Mittleren und Oberen Jura vorkämpfe. Oder auch nicht, denn Wirbeltiere sind dort ja nun recht rar, im Vergleich zum Posidonienschiefer. Naja, vielleicht kann ich dann wenigstens einfach das Museum wechseln und euch bald ein paar fantastische Wirbeltiere aus dem Stuttgarter zeigen 😉

Heute also gibt es als Vorspeise Muscheln. Leider kein Surf & Turf, da einfach keine realistische Chance besteht, aus einem im Posidonienschiefer erhaltenen Tier ein ordentliches Steak herauszuschneiden. Es gibt da zwar einen Sauropoden, aber das ist eine deartige Ausnahme, dass ich den mal einfach ignoriere.

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Bositra buchi. Leider nicht ganz scharf. Mir wurden lansgsam die Hände schwer, als ich endlich bei diesem hochwichtigen Fossil ankam.

Wie bitte? Ihr versteht nicht, warum eine Muschel namens  Bositra buchi für den Posidonienschiefer so wichtig ist? Na dann googlet das mal…..

Oh, keine nützlichen Treffer. Nichts bei wikipedia, zum Beispiel. Hmmmmmmmm….

OK, dann muss ich es eben verraten: der zuvor gebräuchliche Name dieser Muschel war  Posidonia bronni! Und da gibt’s dann garantiert einen wikipedia Eintrag…… ups!, nix ist! Hmmmmmmmmm!!! Das überrascht mich dann doch. Jeder aus zwei Knochen bestehende Dinofund in igrendeinem obskuren Westarikanischen oder Chinesischen Journal hat einen eigenen Eintrag bei wikipedia und facebook, aber die Muschel, nach der eine der wichtigsten Lagerstätten Europas benannt ist, noch dazu eine mit unglaublicher historischer Bedeutung, diese Muschel hat nicht mal einen Eintrag für die Gattung! Selbst in der deutschen Wikipedia, bei der man ja vermuten würde, dass sie voller Seiten über die Holzmadener Fossilien ist, und die im Vergleich zur englischen ja auch auf manchen Bereichen viel mehr bietet, ist selbst bei vielen der wundervollen Meeresreptilien Fehlanzeige. Wenn ich denn nur Zeit hätte – une den Hauch einer Ahnung von den Viechern!

So, Schluß mit dem Gejammer, hier kommt worum es geht: Bositra buchi, damals als  Posidonia bronni bekannt, ist eine Muschel mit so großer Häufigkeit im Lias ε, dass man nach ihr die gesamte Formation benannt hat. Trotz der enormen Häufigkeit der kleinen Kopffüßler in manchen lagen heißt das ganze nicht Dactyliocerasschiefer. Es heißt nicht der Fischsauerierschiefer, obwohl gerade die Ichthyosaurier ziemlich häufig und sehr beeindruckend sind. Nein, es heißt Posidonienschiefer. Was es auch sehr schade macht, dass ein Typ drauf kam, dass Posidonia bronni besser Bositra buchi heißen sollte. Igitt, Taxonomie! Hier hat sie mal wieder besonders böse zugeschlagen.

Um diese Widerlichkeit zu vergessen schauen wir mal schnell auf ein paar andere Muscheln, die viel seltener sind als die ewigen Posidonien.

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Für Plagiostoma gibt es wenigstens eine Englische wikipedia Seite. Die handelt von Pilzen, aber was soll’s? The Typusgattung Lima hat eine eigene Seite, ohne Pilze, aber das ist ja auch eine rezente Gattung.

Ausnahmswiese habe ich mal die Beschriftung mit im Bild gelassen, um die Größe der Muschel deutlicher zu machen. Nicht gerade klein. Wie kommt so eine große Muschel in den sauerstoffarmen Posidonienschiefer?

Zum einen kommen nicht alle Fund vom Grund des Meeres, und nur die untersten Schichten waren anoxisch und somit lebensfeindlich. Man denke nur an die Seelilienkolonien, die auf treibenden Baumstämmen wuchsen. Dene ging’s ganz prima im sauertsoffreichen Oberflächenwasser, aber wenn der Stamm genug Wasser gezogen hatte und sank nippelten sie natürlich ab.

Dann gab es wie erwähnt im Posdonienschiefer auch eine ganze Reihe von Lagen, die zumindest zum Teil genug Sauerstoff am Meeresboden hatte, dass dort Krebse rumkrebsten. Diese Schichten erkennt man gut am hohen Kalkanteil, der dem weniger sauren Wasser geschuldet ist. Und wenn man genau hinschaut, fallen auf dem Stein oben auf der linken Seite angeschnittene Hohlformen von Schalen auf. Der Kalk der Schalen ist weg, aber unsere Muschel ist noch da – und somit sind wir an dem Punkt, wo ich abends beim Bier eine Wette anbeiten würde: Ich wette, dass die Schalen von Lima und engen Verwandten mehrheitlich aus Aragonit bestehen, nicht aus Kalzit. Wie bei der Erhaltung der Aptychen. Die Schale der Muschel blieb erhalten, weil sie ein klein wenig weniger löslich war als die Schalen anderer Organismen. Und die Muschel lebt zu einer Zeit mit ungewöhnlich hohem Sauerstoffanteil. Wir können uns da mal ein Extrem-Szenario ausdenken: ein kleiner Organismus lebt auf einen vor sich hin rottenden Ichthyosaurier-Leichnam, nur ein dutzend Zentimeter über dem Boden – aber das kann schon reichen, um genug Sauerstoff abzubekommen, während rund um am Boden selbst der fehlende Sauerstoff zum Absterben alles Lebens führte. Aber im Fall dieser Plagiostoma bietet sich eine einfachere Erklärung an: Lima sind freischwimmende Muscheln, die Muschel kann also aus eigener Kraft ins Posidonienmeer hineingeschwommen sein. Er als sie am Boden ankam, war’s vorbei.

OK, die Nächste: Pseudomytilus dubius.

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Jeder, der mal eine Miesmuschel (Mytilus) gesehen hat – egal ob Gemeine, Mittelmeer- oder Californische Miesmuschel – versteht sofort warum dieses Fossil so heißt. Und wie die heutigen Miesmuscheln nutzte Pseudomytilus Byssus um sich an Dingen zu befestigen, wie zum Beispiel treibenden Baumstämmen, Seelilienkolonien auf treibenden Baumstämmen, oder irgendwelchem anderen marinen Getier, dass sich auf treibenden Baumstämmen festgestzt hatte – ihr wißt schon. Sokriegt man wieder eine auf Sauerstoff angewiesene Art in ein anoxisches Milieu.

Die verbleibenden Muscheln in der Ausstellugn sind sehr klein. Schauen wir uns erstmal Oxytoma inequivalvis an.

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Und noch zwei Mal Chlamys zum Schluß:

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Chlamys priscus und

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Chalmys sp.Bei der unteren kann man deutlich die Spuren der Präprierwerkzeuge am Gestein sehen, was deutlich macht, wie klein das Fossil ist. Ich habe selbst eine Kammmuschel gefunden, die gerade mal 11 mm breit war. Das passt natürlich gut zum Modell des sauerstoffarmen Posidonienmeeres, in dem solche Muscheln äußerst selten sein sollten.

Als nächstes kommen noch die “Fische” (juhu, Wirbeltiere!), und dann kann ich die Serie mit ein zwei Beiträgen abschließen, inklusive einem über die Lebendrekonstruktionen. Puh – doch ein Ende in Sicht!

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About Heinrich Mallison

I'm a dinosaur biomech guy working at the Museum für Naturkunde Berlin.
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