Ein Affentheater – die Debatte um den Tierpark

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Vor kurzem haben ein paar Politiker und Journalisten mal wieder eine große Debatte um den Tierpark in Berlin vom Zaun gebrochen: soll man ihn zumachen, oder was sonst soll man wegen des Defizits tun? Braucht Berlin den Tierpark, und kann es sich den Luxus zweier Zoos leisten?

Seitdem hat sich die Diskussion teilweise erledigt, weil eine Schlüsselfigur aus dem Spiel genommen wurde, aber bevor ich dazu komme, gibt es erstmal ein wenig Hintergrund-Info.

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Argali oder Marco-Polo-Schaf (Ovis ammon polii)

In Berlin gibt es zwei Zoos, den Zoologischen Garten beim Bahnhof Zoo und den Tierpark Friedrichsfelde. Der Zoo ist mitten im Westen Berlins, der Tierpark am östlichen Ende – und viel wichtiger, der Zoo war der Zoo von West-Berlin, der Tierpark der Zoo der Hauptstadt der DDR. Weitpinkelwettbewerb garantiert.

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Schwarzhalskranich (Grus nigricollis)

Eine Beschreibung des Tierparks habe ich vor einer gefühlten Ewigkeit schon mal auf der englischen Version dieses Blogs gepostet (hier). Bin nie dazu gekommen, auch mal detailliert über den Zoo zu schreiben. In vieler Hinsicht ist er die Antithese des Tierparks: ein recht kleines Areal mitten zwischen hoher Bebauung und einem großen Bahnhof, so dass viele Gehege deutlich kleiner als im Tierpark sind, und es anteilig weniger Wege dazwischen gibt. Freier Raum? Vergiss es, der Laden ist vollgestopft wie es nur geht. Die Gebäude sind meist reich verziert, und das passend zur Herkunft der Tiere – Büffel im Blockhaus mit Totempfählen. In Gegensatz dazu ist die Bauweise im Tierpark sehr indifferent zweckdienlich und mit reichlich Sichtbeton.

Der größte Unterschied aber ist, dass der Zoo sich stark an typische Touristen richtet. Streichelzoo, Menschenaffen, ein riesiger zentraler Spielplatz, viele Konzerte und Veranstaltungen. Im Tierpark gibt es keine Menschenaffen, keinen Streichelzoo, alles ist weit weit weg von allem anderen, und es gibt zwar Events, aber die ziehen viel weniger Leute. Eher ein Ort für einen ausgedehnten Spaziergang mit Tierbeschau oder etwas für Leute mit dezidiertem zoologischen Interesse.

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Gerenuk (Litocranius walleri)

Bei der Durchsicht der Pro- und Contra-Argumente in den Zeitungen und im Radio fiel mir auf, dass die Hauptargumente derer, die den Tierpark abschaffen wollen, darauf zurückgehen, dass sie den Zoo lieber haben. Üblicherweise weil sie ein schnelles High haben wollen: weil sie kleine Kinder habe, weil sie nah dran leben, weil sie oberflächliche Idioten ohne Verständnis für Dinge haben, die nicht in einer Werbepause abgehandelt werden können. OK, diese Leute brauchen gerade keine Universität – also machen wir alle Berliner Unis zu?

Eine weitere “Frage” – die ihre Antwort gleich mitbringt – ist: “Braucht Berlin zwei Zoos?” Nun, einfache Antwort: der Zoo hatte knapp drei Millionen Besucher im letzten Jahr (inklusive Aquarium, allerdings), der Tierpark knapp über 1 Million. Nun stellen wir uns mal vor, wie es im Zoo an einem typischen schönen Sommertag aussieht, wenn dort 33% mehr Leute auftauchen – puh, nein danke! Der Zoo ist doch jetzt schon oft brechend voll!

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Kupferfasan (Syrmaticus soemmerringii)

Punkt 3: “Die Leute stimmen mit den Füßen ab!” Hirnrissig bis zum geht nicht mehr, weil der Zoo zufällig an einem Ort liegt, der nahe an den beliebtesten Touristenorten ist. Wenn ich im Sommer hingehe, erwarte ich ca. 50% Besucher aus Polen, Russland und Italien. Der Tierpark ist für viele Touristen einfach viel zu weit weg. Daher “stimmen” sie nicht mit den Füßen “ab”, sie sparen einfach Zeit. Außerdem werde ich immer wieder gefragt, wo denn nun die Pandas sind (irgendwie sehe ich wohl “offiziell” aus), obwohl sie nun schon eine ganze Weile tot sind. Wenn ich das den Leuten dann sage, schrumpfen sie auf 10% ihrer Größe zusammen und schleichen davon – anscheinend kommen viele Tourist vor allem wegen der Pandas. Man kann also keine Abstimmung über die Qualität des Tierparks in ihre Wahl des Zoos reinlesen.

Allerdings gibt es eine ganze Menge Leute, die den Tierpark nicht zumachen wollen, und trotzdem sehr harte Worte finden. Und ich muss zugeben, dass vieles davon ins Schwarze trifft. Hier sind ein paar Punkte, mein Senf dazu in kursiv.

  • Die Beschilderung ist oft nur auf Deutsch (und die Taxonomie auf dem Stand von anno dunnemals)
  • Der Tierpark ist altmodisch (na und? Das allein macht ihn nicht schlecht; komischerweise wird da nie was genaueres gesagt)
  • “Masse statt Klasse” (hm, komisch, ich muss an den Tierpark denken, nicht den Zoo, wenn ich an Tiere denke, die ich anderswo nicht oder nur selten zu sehen bekomme)
  • zu weitläufig für einen Kurzbesuch (wahr – zum Glück! Und da stimmen mir viele zu. Aber es nervt auch mal, wie weit man latschen muss, um irgendwohin zu kommen)
  • zu langweilig für Familien, es braucht ein “Erlebnisdorf” oder so (ja, der Vegnügungspark-Aspekt kommt ein wenig zu kurz)
  • der Tierpark macht zu wenig Werbung (stimmt, ich sehe viel vom Zoo, wenig vom Tierpark)
  • Die Restaurants sind “ostig” (stimmt, bis hin zu dem Extrem, dass am Eingang ein Schild hängt, nach dem das eine auf ist, es aber dann in Wirklichkeit das *andere* ist)

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Gayal (Bos frontalis oder B. gaurus), domestizierte Version des Gaur

Das Thema “zu weitläufig” ist wirklich ein Problem.Es gibt große Bereiche, die einfach nur Landschaft sind (Park), zum Beispiel wenn man am Eingang am Schloss reingeht. Dort gibt es das Reptilienhaus, die Krokodilhalle, die Landschildkröten, die Pelikane und so weiter – und dann kommt der große Fußmarsch durch jede Menge Landschaft, bis man wieder an einen Ort kommt, wo es Tiere zu sehen gibt. Sagen wir mal, wir gehen am Eingang links und machen die Reptilien/Schildkröten/Kroko-Kombi. Dann spuckt uns die Krokodilhalle aus und wir müssen fast einen halben Kilometer bis zu den Weißhandgibbons laufen, oder zu den Pelikanen. Mit kleinen Kindern ist das eine ganz schöne Entfernung. Oder man stelle sich mal vor, wir haben uns ein paar Dinge angesehen und nun wollen die Kinder zum Spielplatz, aber bitte gestern! Das ist dann schnell mal ein 10-Minuten-Marsch.

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Kreishornschaf (Ovis vignei) Das Schild im Zoo und zootierliste.de und wikipedia sind sich irgendwie nicht ganz einig über Unterarten und so.

Ein Thema kam in der öffentlichen Debatte nicht auf: dass es eine Reihe neuer und sehr schöner Tiergehege gibt, bei denen es für kleine Kinder fast unmöglich ist, die Tiere zu sehen, außer man hebt sie hoch. Geht mit einem Baby, aber garantiert Chaos, wenn man mit mehreren Kleinen dort ist. Besonders trifft dies auf die neue Gebirgstier-Region zu, wo sogar ich manchmal die Steinböcke nicht zu Gesicht bekomme, außer ich nutze den >10%-Gefälle nicht-für-Rollstühle/Kinderwagen-Trampelpfad, der netterweise mit Brennnesseln gesäumt ist. ARGH!

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Nellore Zebu (Bos taurus indicus)

Was besonders nervt, ist aber das komplette, vollständige und totale FEHLEN von Ankündigungen von Fütterungen. Es gibt keinen Aushang (0der wenn doch ist er professionell versteckt), und die Internetseite führt nur das Alfred-Brehm-Haus auf (Katzen), vage mit “ca. 15:00 Uhr außer Freitags”. Die Elefanten-Badestunde soll Sa und So von 11:00 bis 12:00 sein – ich war schon da und es ging von 10:00 bis 11:15. Das nervt, gelinde gesagt!

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Golden or Shaanxi Takin (Budorcas taxicolor bedfordi)

Große Teile könnten also eine Überarbeitung gebrauchen, besonders was “Edutainment” und “Unterhaltung” angeht. Weniger Tiere, wie vorgeschlagen wurde – naja, das waren ein paar klassische rabiat-Marktwirtschaftler und andere Idioten. Es zeichnet den Tierpark ja gerade aus, dass so viele Arten gezeigt werden! Wo sonst kann man, binnen weniger Minuten, drei Unterarten von Takinen sehen? Oder mehr Fasane und Verwandte als ich auf der Basis meiner Fotos zählen konnte? Oder um die 8 verschiedenen Geierarten in einer großen Voliere? Und eine Menge ungewöhnliche Hirsche gibt’s auch noch. Das Reptilienhaus und die Krokodilhalle – da muss ich mal gesondert was schreiben. Selbst mein Kollege Dave Hone, mit all seiner Erfahrung was Zoos angeht, war sehr überrascht von der großen Zahl von Arten die selten gezeigt werden, oder die er noch nie gesehen hatte, obwohl wir den Erdwolf nicht mal zu Gesicht bekommen haben.

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Sihuan takin (B. taxicolor tibetana)

Ein Teil der Debatte um den Tierpark ging um ein Thema, das ich bislang gemieden habe: Stasis! Es schien dort nichts vorwärts zu gehen, selbst die Planung kam nicht vom Fleck. Sogar 200.000 €, die die Senatsverwaltung für eine Konzeptentwicklung  bereit gestellt hatte, wurden nie abgerufen. Das hat vor allem mit der Leitung zu tun, mit Büropolitik bei der AG, der Zoo und Tierpark gehören. Hoffentlich gehört nun dieses Problem bald der Vergangenheit an: der Direktor, ein schwieriger Mensch wenn man’s nett formuliert, bekommt nächstes Jahr keinen neuen Vertrag mehr. Um mal ein grobes Bild zu zeichnen: er hat gesagt, bei der Weihnachtsfeier, dass nicht-christliche Mitarbeiter kein Weihnachtsgeld bekommen sollten. und er hat weibliche Mitarbeiter auf den Personalakten mit dem zoologischen Kürzel für “Weibchen” 0,1 gekennzeichent, aber anscheinend nicht die Männer mit 1,0 für Männchen. Naja, er wird gehen, und dann geht’s hoffentlich vorwärts!

Genug gelabert! Ich werde weiterhin über coole Tiere aus dem Tierpark schreiben, und wenn ihr mal nach Berlin kommt, plant einen Besuch dort ein! Es ist einer der besten Zoos in Europa, wenn man an der Natur interessiert ist, und nicht an einem “Erlebnispark”.

Ach ja, falls sich jemand über das merkwürdige Sammelsurium von Tiere auf den Fotos wundert: das ist eine kleine Auswahl der Tiere, die man in Deutschland nur im Tierpark zu sehen bekommt. “Masse statt Klasse”? Nicht wirklich!

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About Heinrich Mallison

I'm a dinosaur biomech guy working at the Museum für Naturkunde Berlin.
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6 Responses to Ein Affentheater – die Debatte um den Tierpark

  1. Pingback: The place is a zoo – the Tiergarten Berlin debate | dinosaurpalaeo

  2. Pingback: Die Neuen im Tierpark (doch nicht!) | dinosaurpalaeo auf Deutsch

  3. Mark Meier says:

    Spannender Beitrag zu der Debatte und auch zum Tierpark (wie schon die vorherigen). Ich hoffe, Sie behalten recht und es gibt eine positive Entwicklung nach dem Führungswechsel. Ich befürchte, dass es auch von einem Extrem ins andere umschlagen könnte. Blaszkiewitz hat zwar einige Bedürfnisse der modernen Besuchergeneration klar vernachlässigt, aber in der Substanz hat er mE sehr, sehr viel Positives bewirkt. Ideal wäre eine neue Leitung die an den alten Stärken anknüpft und zugleich die Schwachpunkte abarbeitet bzw. neue Stärken entwickelt.

    Mal eine Frage: In einem Zooforum diskutieren wie den Tierpark intensiv. Ich habe dort auch einen Thread gestartet, der verschiedene Personen mit ihren Rundgänge im Park und Bewertungen dazu aufgreift. Wäre es ok, wenn ich diesen Beitrag (mit oder ohne die Bilder) dort einfüge? Natürlich mit Quellenangabe und Link hierher. Der würde nämlich super dort reinpassen.

    • Hallo Herr Meier,
      gern dürfen Sie den Beitrag verlinken oder kopieren, natürlich mit den Bildern!

      Was die Leistungen des Herrn B. angeht, sehe ich das ganz ähnlich: viel Gutes, aber leider eben mit entscheidenden Mängeln. So sind gerade die erwähnten Gehege im Gebirgs-Bereich sehr schön – wenn man denn nur als Besucher etwas sehen könnte! Jetzt alles umzukrempeln wäre falsch und schädlich, und dies gilt genauso für den Zoo. Nehmen wir das neue Vogelhaus als Beispiel: vieles toll, aber wer kommt denn auf die Idee, die in die Freiflugvolieren führenden Türen nicht gut kenntlich zu machen? Wenn man schon ein Design nimmt, dass nach Maschinenraum aussieht. 😉 Was es also braucht, ist jemand, der mit dem Blick und den Wünschen eines Besuchers durch Zoo und Tierpark gehen kann, notwendige Änderungen vornimmt, und gleichzeitig die verschiedenen Stärken bewahrt!

  4. Conny Halle says:

    Die eine Einrichtung ist ein Zoo die andere ein Tierpark , ein Park hat nun mal eine größere Fläche . Im übrigen gab es Menschenaffen im Tierpark Gorillas, Orang -Utans und Schimpansen und alle mit Nachwuchs.Die wurden alle kurz nach der Wende in den Westberliner Zoo geholt, Publikumsmagneten.Der ehemalige Direktor Prof.Dr. Heinrich Dathe ist im nahegelegenen Friedhof bestattet worden. Vg Conny Halle

    • Ja, das war eine sicherlich auf Effektmaximierung geplante Maßnahme.

      Eigentlich ist es ja auch gut, wenn man nicht in beiden Einrichtungen die genau gleiche Tierauswahl zeigt. Das Problem ist eben, dass diejenigen, die einen TierPARK schätzen (<50%) gleichzeitig auch noch den oft weiteren und längeren Weg nehmen müssen.

      Allerdings muss ich sagen: seit dem Führungswechsel scheint mir der Tierpark deutlich voller!

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